Philipp Rießle von der SZ Breitnau ist DSV-Trainer des Jahres

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Der Deutsche Skiverband zeichnet den Erfinder des Nachwuchsteams „Running Dragons“ für seine wegweisende Basisarbeit im Hochschwarzwald aus.

Kinder brauchen Ansporn und Menschen, die ihnen zuhören und sie fördern. Beim Rechnen und Schönschreiben, oder bei der Bewegung in winterweißer Schwarzwaldlandschaft und ersten Hüpfern von selbstgebauten Schneehügeln.
Kinder brauchen Menschen wie Philipp Rießle von der Skizunft Breitnau.
Der 36-jährige St. Märgener, Vater von drei Kindern, ist Grundschullehrer in der Zwergschule Waldau und als Übungsleiter an der Basis einer der wichtigsten Ideengeber des Skiverbands Schwarzwald.
Der Deutsche Skiverband (DSV) hat den handfesten Praktiker jetzt als Trainer des Jahres in der Nordischen Kombination ausgezeichnet.

Die Halle riesig, der Rahmen festlich, die Glückwünsche herzlich. „Und mitten drin ich“, erinnert sich Philipp Rießle an die Preisverleihung in der Würth-Arena in Künzelsau im Rahmen zweitägiger Festlichkeiten des DSV, bei denen die A-Kader-Athleten für den Olympia-Winter eingekleidet und die Sportler und Trainer des Jahres gekürt wurden.

Im Rampenlicht zu stehen ist nicht sein Ding. Rießle redet nicht von sich, sondern von den Menschen, die ihn antreiben: „Es geht nicht um mich. Das ist eine Auszeichnung für den ganzen Skisprung-Stützpunkt und für meine Trainerkollegen.“ Das Skisprung-Nachwuchsteam der „Running Dragons“ hat er vor vier Jahren gegründet, das vereinsübergreifend Kinder zwischen sieben und zwölf für das Skispringen und die Nordische Kombination begeistert. Der Bruder und Heimtrainer des Team-Olympiasiegers Fabian Rießle ist ein Macher, der nicht von Visionen redet, sondern anpackt. „Als Lehrer-Trainer verbindet er Schule und Sport optimal und ist die ideale Besetzung zur Förderung der Persönlichkeitsentwicklung sowie der schulischen und beruflichen Qualifizierung junger Talente“, heißt es in der Laudatio des DSV. Die „Dragons“ sind ein Erfolgsmodell, das wegweisend ist. Vor fünf Jahren gab es im Hochschwarzwald nur noch rund 20 Nachwuchs-Kombinierer und Springer, jetzt sind es 60. Tendenz steigend. „Es ist wichtig, dass wir wahrgenommen werden beim DSV“, sagt Rießle, der in Hinterzarten, Breitnau und Menzenschwand auf 15 Übungsleiter setzen kann „und einen festen Stamm von sechs, sieben Mann“.

Entscheidend sei, „dass jetzt kein Training mehr ausfällt.“ Rießles Stärke ist seine Unabhängigkeit. Als Grundschullehrer hat er einen ordentlich bezahlten Job. „Ich bin als Trainer nicht abhängig von Ergebnissen, ich hab’ keinen Druck, Geld verdienen zu müssen.“ Der 35-jährige Vater von drei Kindern, der mit seiner Familie in Buchenbach lebt, setzt auf Behutsamkeit und kindgerechte Ausbildung. Bei den Running Dragons gehe es ihm nicht um Ergebnisdruck, sondern „um ganz normales Kindertraining im Schülerbereich mit viel Spaß an der Bewegung“. Dass in den Köpfen mancher DSV-Funktionäre die Nachwuchsförderung erst auf 40-Meterschanzen beginne, sei ein falscher Ansatz: „Wer von so einem großen Ding springt, ist kein Anfänger mehr, der kann längst springen.“

Entscheidend sei die Förderung ganz unten. Bei Sechs- und Siebenjährigen, die von
selbstgebauten Schneeschanzen abheben und bei zehn Meter kurzen Luftfahrten überbordende Glücksgefühle und bei Stürzen auch das Scheitern kennenlernen, die mit ihrer Begeisterung wachsen, ehe es auf „echte“ 20-Meter-Bakken geht.

Philipp Rießle und seine Trainer begeistern Mädchen und Jungen gleichermaßen, einen Unterschied zwischen Springern und Kombinierern gibt es nicht: „Alle machen alles“, erklärt er die breitgefächerte Ausbildung, die kindgerechte Förderung der Motorik und das spielerische Erlernen komplexer Bewegungsmuster auf Schanze und Loipe. Ein Konzept
mit Tragweite. Aus den Kindern, die im Winter 2017/18 als „Running Dragons“ erstmals vereinsübergreifend abhoben, sind junge Weitenjäger geworden, die besser fliegen als mancher Alt-Drache: Der 14-jährige Amadeus Horngacher vom SC Hinterzarten zählt jetzt zur von Rolf Schilli betreuten Schüler-Nationalmannschaft. Am vergangenen Wochenende
feierten die Nachwuchsspringer und Kombinierer aus dem Schwarzwald beim Deutschen Schülercup in Winterberg durchschlagende Erfolge. „In der Breite waren wir noch nie besser“, blickt Rießle auf Sprung-Wettbewerbe und Inliner-Rennen sowie einen Teamwettkampf im Sauerland zurück. Colin Ketterer von der SZ Breitnau dominierte in Winterberg den Skisprung-Wettbewerb der Schülerklasse S-12 und sicherte sich im Kombinationswettkampf Rang drei, Timo Tritschler vom SC Hinterzarten gewann den „großen Schülercup“. Dazu kamen etliche Top-Sechs-Ergebnisse.

Philipp Rießle sieht die Running Dragons bereit für den Winter. Natürlich hofft er auf Schnee. Doch der Blick in die Vergangenheit und die durch den Klimawandel sich rasant verändernde Zukunft macht ihn skeptisch: Naturweiß werde im Schwarzwald immer rarer. Um dem erwartbaren Schneemangel vorzubeugen, hatte er eine pfiffige Idee, die jetzt in
Hinterzarten unter der bewährten Regie von Michael Lais umgesetzt wird. Um die Anlaufspur der 15- und 30-Meterschanze zu belegen, wurde bisher im Winter mit einem Radlader und in mühsamer Handarbeit eine 30 Zentimeter dicke Schneeschicht aufgebracht und darin die Spur eingefräst. „Ein enormer Aufwand“, so Rießle. Statt Schnee gibt es
jetzt mit Holzbohlen belegte Eisenträger als Unterbau, auf denen die Sommer-Keramikspur montiert wird, die leicht mit Besen und Schaufel schneefrei zu halten sei. „Statt erst Anfang Januar können wir dann vielleicht schon Anfang Dezember springen“, hofft Rießle.
Für die jüngsten Hüpfer und Kombinierer will Rießle im kommenden Winter einen Grundschul-Wettbewerb nach dem Vorbild der Serie „Jugend trainiert für Olympia“ anbieten. Rund 15 Schulen rund um den Feldberg hat er schon kontaktiert, Mitte Januar sollen am Schneeberglift in Waldau bei einem Teamwettkampf Erst- bis Viertklässler abheben.
Dazu kommen für die Running Dragons Springen und Kombinationswettbewerbe um den Georg-Thoma-Pokal in Schonach, Menzenschwand und Hinterzarten.

Text: Johannes Bachmann, Badische Zeitung
Bild: Deutscher Skiverband
Link zum Originalartikel: Badische Zeitung

Artikel bei der: Skizunft Breitnau